BUND Ortsverband Hofheim am Taunus
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Mehr Wildnis wagen

Natur Natur sein lassen – biologisch und ökologisch intakt und das möglichst großflächig. Wildnis wagen bedeutet: Kein menschliches Eingreifen, die Natur darf sich frei entwickeln, das ist die Grundlage von Diversität und funktionierenden Ökosystemen. Und bietet klare Vorteile: für die Natur selbst, aber auch für den Menschen. Zwei Prozent der Landesfläche als Wildnisgebiete auszuweisen, dafür setzt sich der BUND bundesweit ein. Zwei Prozent – klingt wenig; dennoch sind wir davon noch weit entfernt.

Flächennutzung in Deutschland

Um Wildnis zu erleben, ist keine Reise in tropische Regenwälder, in die Antarktis oder die Savannen Afrikas nötig: In Deutschland darf sich die Natur derzeit auf rund 220.000 Hektar frei entwickeln. Das ist eine Fläche zweieinhalbfach so groß wie Berlin. Sie umfasst etwa die Kernzonen der Nationalparks und Biosphärenreservate, ausgewiesene Naturwälder, ehemalige Truppenübungsplätze sowie Teile ehemaliger Bergbau-Landschaften.

  • Mindestens 1.000 Hektar müssen die Gebiete in der Regel groß sein, um als Wildnis eingestuft zu werden.
  • Bei Auen, Mooren, Küsten und Seen reichen 500 Hektar.
  • Weitere Voraussetzung: Weder Land-, Forst- oder Fischereiwirtschaft nutzen die Flächen. Außerdem sollen sie sich völlig ergebnisoffen entwickeln können und möglichst unzerschnitten sein.

Wildnis: Wichtiger Speicher für Wasser und CO2

Wildnis hilft, die Vielfalt an Lebensräumen, Arten und Genen zu sichern. In einem Nebeneinander von verschiedenen Entwicklungsstadien können sich die Lebewesen ungestört an veränderte Umweltbedingungen, wie die Erderhitzung, anpassen. Wildnisgebiete puffern auch Phasen mit viel oder wenig Wasser ab: Totholz speichert große Mengen an Niederschlag, lebendige Moore sind wassergesättigt, intakte Auen entlang naturnaher Flüsse nehmen Hochwasserspitzen auf. Weiterhin ist Wildnis eine effektive Kohlenstoffsenke.

Politisches Ziel unerreicht

2007 beschloss die Bundesregierung, zwei Prozent Deutschlands bis 2020 als Wildnis auszuweisen und zu schützen. Dieses Ziel ihrer Biodiversitätsstrategie hat sie verfehlt und sich dafür nun bis 2030 Zeit gegeben. Bis dato sind nur 0,62 Prozent geschafft. Der BUND fordert daher zusammen mit dem Bündnis Initiative Wildnis in Deutschland rasch voranzuschreiten. Denn das Potenzial ist da. Eine Studie der Initiative zeigt, dass allein auf öffentlichem Grund weitere 1,67 Prozent der Landesfläche als Wildnis ausgewiesen werden könnten und somit weit mehr als das Zwei-Prozent-Ziel erreichbar wäre.

Mehr Wildnis ist gewollt

Die Akzeptanz in der Bevölkerung für Wildnis ist vorhanden: Je wilder die Natur ist, desto besser gefällt sie vielen Menschen, das belegen Umfragen regelmäßig. Denn Wildnis bietet – und das ist ein weiterer wichtiger Grund für sie – einen attraktiven Ausgleich zur stark genutzten Kulturlandschaft, Körper und Seele kommen zur Ruhe. Wildnis ist ein Sehnsuchtsort, sie fasziniert. Umweltbildung und Naturerleben sind hier in vielen Facetten möglich. Wird zum Beispiel auf den Flächen nicht gejagt, lassen sich Wildtiere besser und auch tagsüber beobachten. Und die Besuchenden können selbst erspüren, wie Natur sich anfühlt, wenn der Mensch nicht eingreift.

Hessen hat Potential - Zwei Beispiele

Das Naturschutzgebiet Kühkopf‑Knoblochsaue gilt als einziger echter Auwald unter den hessischen Naturwäldern. Durch den alten Baumbestand, die natürliche Hochwasserdynamik und die weitgehend unberührten Flussauenstrukturen entstehen dort Lebensräume, die in Hessen sonst kaum noch vorkommen. Genau diese Kombination macht das Gebiet zu einem Hotspot der Biodiversität, in dem viele seltene und gefährdete Arten überleben können. 

Das Gebiet ist ein Hotspot für Rote‑Liste‑Arten, vor allem bei Fledermäusen, Käfern, Vögeln und Auenpflanzen. Diese Arten sind EU‑weit streng geschützt und im Kühkopf in außergewöhnlich hoher Dichte nachgewiesen:

  • Bechsteinfledermaus – stark gefährdet, auf alte Laubwälder angewiesen
  • Großes Mausohr – europaweit geschützt, braucht große Höhlenbäume
  • Insgesamt 12 Fledermausarten wurden im Gebiet nachgewiesen – ein Spitzenwert für Hessen.

Besonderheit des Gebiets

  • Unregulierte Hochwasser schaffen ständig neue Mikrohabitate – von Totholz über Schlammbänke bis zu temporären Wasserflächen.
  • Alte Eichen- und Ulmenbestände bieten Nischen für spezialisierte Insekten, Fledermäuse und Höhlenbrüter.
  • Auenwiesen und Feuchtgebiete beherbergen seltene Amphibien, Libellen und Pflanzenarten.
  • Die Lage als größtes hessisches Naturschutzgebiet verstärkt den ökologischen Wert.

Arten, die dort besonders profitieren sind Schwarzspecht, Pirol, Mittelspecht, Bechsteinfledermaus, Eisvogel, seltene Libellen wie die Grüne Flussjungfer und Auenwaldpflanzen wie Sumpf-Schwertlilie oder Wasserschierling.


Das große Naturschutzgebiet Wispertaunus liegt im Waldmeer des Hinterlandswaldes und ist – laut aktuellen Kartierungen und den offiziellen Schutzgebietsunterlagen – ein Hotspot für seltene und besonders schützenswerte Arten, vor allem durch seine naturnahen Laubmischwälder, die Hangdynamik und die vielen Naturwaldstrukturen. 

Im Wispertaunus wurden zahlreiche streng geschützte Fledermausarten nachgewiesen, die auf alte Bäume, Höhlenstrukturen und naturnahe Gewässer angewiesen sind:

  • Bechsteinfledermaus – typische Art alter Laubwälder, stark gefährdet
  • Wasserfledermaus – europaweit geschützt
  • Kleine Bartfledermaus – FFH‑Art
  • Fransenfledermaus – FFH‑Art
  • Großer Abendsegler – gefährdet, baumhöhlenbewohnend
  • Braunes Langohr – empfindlich gegenüber Waldveränderungen 

Diese Arten profitieren besonders von den alten Buchen‑ und Eichenbeständen sowie den zahlreichen Naturwaldstrukturen wie Baumhöhlen und Totholz. Und es wurden 111 Rote‑Liste‑Käferarten nachgewiesen.

Klein, aber fein

Die Hofheimer FFH‑Gebiete sind ökologisch hochwertig, artenreich und europaweit geschützt – aber nicht so großflächig und wild wie der Wispertaunus oder das Naturschutzgebiet Kühkopf‑Knoblochsaue. Dennoch findest du dort vergleichbare Arten, insbesondere Fledermäuse, seltene Waldpflanzen und strukturreiche Laubwälder.

Wald wird wild 

Veranstaltung von BUND Hofheim und Waldwärts! am 9.9.2026

Videomitschnitt der Veranstaltung


 

Starkes Bündnis für Wildnis

BUND, BUNDstiftung und 20 weitere Naturschutzorganisationen sind seit 2015 als Initiative Wildnis in Deutschland aktiv. Gemeinsam setzen wir uns für mehr große und unzerschnittene Wildnisgebiete in Deutschland ein. Dabei verfolgen wir einen konsequenten Wildnisansatz. Was dieser bedeutet, erläutern die 13 Positionen in unserem Wegweiser zu mehr Wildnis in Deutschland.