Foto Jasmin Neelmeier-Sangnier
Körperliche Erscheinung
Die Erle gehört zur Familie der Birkengewächse und steht oft an Seen, Flüssen, feuchten Standorten im Wald und in Sümpfen, da sie sehr staunässetolerant ist. Die Schwarzerle ist am häufigsten vertreten. Sie wird 10-25 m hoch und bis zu 120 Jahre alt.
Unter ihrem lichten Blätterdach, bestehend aus dunkelgrün, glänzenden, gezähnten Blättern, siedelt gerne Begleitwuchs. Es sind oft Schlüsselblume, Mädesüß, Giersch und Springkraut, welche viele Insekten anziehen.
Nahrung und Unterschlupf finden bei der Erle auch viele Tierarten, wie Fink, Wasservögel, Otter, Dachs, Frösche und Fische.
Im Wald ist sie in Gesellschaft von Esche, Ahorn und Ulme.
Ihre Wurzeln greifen tief in wässrigen Boden und können diesen binden und beleben. An Flüssen sieht man unter Wasser, bei alten Erlen, große Wurzelpakete die das Ufer vor Erosion schützen. Den Stickstoff aus der Luft kann die Erle durch Wurzelsymbiosen mit einem kleinen Pilz binden, diesen versorgt sie wiederum mit Kohlenhydraten.
Ihre Wirkung auf den Boden ist festigend, belüftend und entwässernd. Sie verhindert die Moorbildung an sumpfigen Standorten.
Als schnellwachsender Pionierbaum kann die Erle auch auf unfruchtbaren Böden gedeihen und wurde beispielsweise zur Rekultivierung von Kohlehalden angepflanzt.
In ihrer Jugend ist die Borke glatt und grünlich-braun, später rissig und braun bis grau.
Das Holz ist rötlich, frisch geschnitten färbt es sich orangerot und der Baumsaft rot an der Luft. (Daher dachte man früher, der Baum blute, wenn er gefällt wurde.) Es hat die Eigenschaft weich, reiß- und sprungfest zu sein, da es vorwiegend aus Splintholz besteht. Am dauerhaftesten ist es im nassen Zustand, da es sich mit Wasser vollsaugt, nicht fault, so härter wird und damit sehr widerstandsfähig. Es fand Verwendung beim Bau von Pfahlbausiedlungen, Brücken, Wehren, Quelleneinfassungen, Pumpen, Brunnentrögen und Wasserleitungen. Auch Holzschuhe, Schusterleisten und dauerhaftes Küchengeschirr wurde aus dem Holz gefertigt.
Mit etwa 30 Jahren entfaltet die Erle Blüten und Pollenkätzchen, beide Geschlechter befinden sich am Baum zur Bestäubung. Für Bienen sind die „Kätzchen“ eine wichtige Nahrungsquelle im Frühjahr. Die bestäubten Blüten verholzen zu Zapfen, in denen die Samen reifen. Die Samen wiederum, sind in eine Art Luftpolster gebettet, das hilfreich ist bei der Wasserverbreitung, um nicht unterzugehen. Bei der Verbreitung durch den Wind hilft ihnen das leicht zu sein. Der Blattaustrieb folgt nach der Blüte.
Nutzung
- Die Erle zählt zu den traditionellen Färbebäumen. Aus den Blüten wurden grüne, den Zweigen wurden braune, und der Rinde wurden schwarze Farbstoffe gewonnen.
- Die schwarze Farbe gewann man, in dem Rindenstücke zusammen mit rostigen Eisenteilen wochenlang in Wasser eingelegt wurden, bis sich der enthaltene Gerbstoff mit dem Eisen zu einer schwarzen Substanz verband. Die Farbe wurde zum Lederfärben verwendet.
- Grünes Erlenholz wurde in Brennöfen gesteckt, um Ziegeln eine eisengraue Farbe zu geben.
- Sogar aus den Zapfen gewann man schwarze Tinte.
- Die Rinde fand auch Verwendung beim Ledergerben.
- Zu Holzkohle konnte das Holz verarbeitet werden.
- Junge, frische Erlenzeige sind klebrig und wurden als „Fliegenfalle“ ausgelegt, bzw. aufgehängt.
Heilung
Blätter und Rinde wirken kühlend, fiebersenkend, zusammenziehend, schmerzstillend und entzündungshemmend.
Bei Entzündungen in der Mundhöhle kann mit einem Tee aus Blättern gegurgelt werden, dieser wirkt beruhigend und schmerzlindernd auf die Schleimhäute.
Zubereitungen der Rinde wurden zur Waschung oder als Kompresse, bei Hautausschlägen oder eiternden Wunden verwendet.
Ein Tee aus frischen Erlenblättern ergibt eine wirksame Haarspülung bei fettigem Haar oder wirkt als Gesichtswasser bei fettiger, unreiner Haut reinigend und klärend.
Überlieferung
In Legenden erscheint die „Erlenfrau“ Wanderern als betörende, verführerische und schöne Frau. Sie erteilte gierigen „Mannsbildern“ eine Lektion fürs Leben, indem sie sich bei der Umarmung in ein „rindenrauhes Wesen“ verwandelte. Dies sollte ihnen lehren ihrem Herzen zu folgen und nicht ihren Trieben. Frauennamen, wie Else, Elsa und Elise stammen von der Erle ab.
Hierzulande wurde der Erlenkönig 1782 berühmt durch die Balade von Johann Wolfgang von Goethe:
„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind ?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben
wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält in warm.
Mein Sohn, was birgst du
so bang dein Gesicht ?
Siehst Vater, du den Erlenkönig nicht ?
Den Erlenkönig,
mit Kron und Schweif ?
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif....“
Um Orakelstätten, welche auf Inseln waren, wuchsen oft dichte Erlenhaine.
Die Odyssee beschreibt zwei Erlen umsäumte Stätten, die eine der Nymphe Kalypso und die andere der Zauberin Kirke, welche je Odysseus jahrelang bezirzten, bevor er sich lösen konnte.
In der „Aeneis“ trauerten die Töchter des Sonnengottes Helios, die Heliaden, um den Tod ihres Bruders Phaeton. Zeus hatte erbarmen und verwandelte sie in Erlen.
Die Erle war auch der Baum der Verbannung. Der „Stab“ wurde vor Gericht über dem Kopf von jemandem gebrochen, der aus der Sippe verstoßen wurde. Vier Stäbe wurden gebrochen und in alle Richtungen geworfen. Diese symbolisierte Handlung hatte für den Betroffenen die endgültige Lossagung von der Familie und Verbannung vom Ort zur Folge.
Inspiration
Jedes neue Leben entsteht im Wasser, selbst der Mensch. Mit dem Wasser des Lebens symbolisiert die Erle Fruchtbarkeit, Freude und das Leben nach dem Tode.
Unter ihrer Präsenz kann sie heilen. Erschöpfte finden Kraft im üppig gedeihenden Erlenreich. In ihrer Aura finden Niedergeschlagene Licht, Trost und Wärme bei der Berührung ihres Herzens. Wütende finden kühlen Frieden. Gefühlsblockaden werden aufgewühlt und durch das Sanfte, Fließende von der Erle und dem Wasser fortgewaschen, wenn man bereit ist loszulassen.